Tagebucheintrag N°51 | Wird Literatur überschätzt?

Dienstag, Juni 03, 2014 Tinka Beere 0 Comments

Mal wieder ein kleines Aufreger-Thema.
Ich fand es in der Schule schon absurd, ein Gedicht zu interpretieren. Woher soll ich denn bitte wissen, was sich der Dichter dabei gedacht hat? Leider waren sich meine Deutschlehrer immer darüber einig, dass es nur eine Interpretation von einem Gedicht gab — nämlich ihre eigene.

Das ging natürlich überhaupt nicht in meinen Schädel rein. Zumal ich mich zu der Zeit auch noch an Gedichten, neben Geschichten, versucht habe. Ich habe meine Gedichte (ich gebe zu, es waren nicht viele) immer so geschrieben, dass sie sich schön anhörten, dass sie gut geklungen haben und dass man sie flüssig lesen konnte, ohne sich zu verhaspeln.

Ich fand und finde es total unlogisch in die Gedichte eine verschlüsselte Botschaft hinein zu schreiben. Nehmen wir mal Horoskope. In ihnen steht im Grunde genommen immer das Gleiche, doch jeder ließt für sich das heraus, was er gerne möchte. Nun sind Horoskope keine Gedichte, aber in jeden Text kann man etwas hinein interpretieren, was gar nicht darin steht, wenn man nur will.

Lustigerweise ist mir das aktuell bei meiner Überarbeitung aufgefallen. Ich habe meine Geschichte meinen Roman im Grunde genommen als Discovery Writer geschrieben, also entdeckend. Ich hatte nur einen groben Plan, wo es hingehen sollte, der Rest kam beim Schreiben hinzu. Symbole, Vorausdeutungen, Motive der Charaktere,… obwohl ich zu dem Zeitpunkt des Schreibens noch gar nicht genau wusste, wie ich am Schluss ankommen würde, diese Hinweise waren da. Und beim Überarbeiten habe ich sie gefunden. Und ich habe mir so manches Mal gedacht: Hey, das könnte man jetzt so oder so interpretieren. Daran habe ich beim Schreiben überhaupt nicht gedacht.


Mein Ziel war es, eine Geschichte zu Papier zu bringen, die fasziniert genau, wie der Ursprung, die Quelle, dieser Geschichte mich fasziniert hat.


Es war ein Traum. Der Traum von einem Mädchen. Dieses Mädchen lebte in einer Höhle und sie fand sich zurecht, obwohl es dunkel war. Auch außerhalb der Höhle gab es kein Licht. Alles war so schwarz, dass sie nicht einmal die eigene Hand vor ihren Augen sehen konnte.


Ich wollte diese Geschichte aufschreiben, weil ich fand, dass sie es wert war aufzuschreiben, weil der NaNoWriMo vor der Tür stand und ich nach jahrelanger Pause endlich wieder schreiben wollte.


Das war alles. Keine Hintergedanken, keine Belehrungen. Vielleicht eine Form von Selbsttherapie, die mich wieder zum Schreiben gebracht hat, die mir Mut gemacht hat, die mich wieder an mich glauben ließ, daran, dass ich etwas Tolles schaffen kann. Eine Therapie, die ermutigt hat, meinen Traum von Früher wieder ernst zu nehmen und dafür zu kämpfen.


Und dann kommt die Literaturwissenschaft ins Spiel. Sie versucht Ordnung in die ganze Sache zu bringen. Licht ins Dunkel. Eine Erklärung, warum so und nicht anders.

Literaturwissenschaft ist das Gegenstück zum Schreiben. Zur Arbeit eines Autors. Sie macht Angst. Sie lähmt. Sie stellt Ansprüche. Sie verlangt Perfektion. Es gelten nur die großen Werke bekannter Autoren. Was ist schon eine J. K. Rowling gegen Goethe? Oder eine Nora Roberts gegen Shakespeare?
Was haben diese Autoren anderes gemacht? Sie haben doch auch “nur” geschrieben…

Es kommt ab und an mal vor, dass ich resigniert im Seminar sitze und denke: Was mache ich denn schon besonderes? Ich werde nie so schreiben können. Ich bin zwar auf gewisse Art und Weise fasziniert von den Werken, die wir in der Uni lesen, aber die Art, wie wir über sie reden, blockiert mich. Ich fühle mich nicht mehr frei, meine Kunst auszuleben. Kann man denn überhaupt Kunst in Kategorien ordnen? Sie analysieren? Dafür ist es doch Kunst. Kunst bedeutet Freiheit.


So und damit dieser Beitrag sich nicht in der Unendlichkeit verliert…


In einem Seminar haben wir Nils Holgerson besprochen. Ihr wisst schon, der Junge, der geschrumpft und mit den Wildgänsen geflogen ist. Außerdem konnte er sich mit den Tieren unterhalten ;)


Heute kam die Frage auf, wie weit Bücher/ Geschichten, in denen die Mensch-Tier-Beziehung so intensiv ist, Einfluss auf auf eine vegane Ernährung haben.

Ernsthaft?!

Ok. In dem Buch hat Nils eine intensive Beziehung zu Tieren, er kann mit ihnen reden und so weiter. Aber ich glaube nicht, dass ein Buch, eine Geschichte, eine Erzählung, in der Tiere so vermenschlicht dargestellt werden, Kinder dazu bringen kann, zum Vegetarier oder gar Veganer zu werden.


Ich erinnere mich an so viele Geschichten, in denen Tiere sprechen konnten. Doch ich bin erst seit zirka zwei Monaten richtige Vegetarierin. Und ich bin 22. Ich glaube kaum, dass Bücher so lange brauchen, um nachzuwirken :D


Ich halte es für wahrscheinlicher, dass Kindern Fleisch nicht schmeckt und sie deswegen Vegetarier werden. (Ich meine solche, die nicht von den Eltern dazu gebracht werden.) Denn die Entscheidung erfordert schon einiges an Vorstellungsvermögen, denke ich. Und ich wage zu behaupten, dass die wenigsten, erwachsenen Fleischesser beim Biss in die Wurst daran denken, dass sie mal ein Lebewesen war, das eine Familie hatte und sehr sicher unter Qualen und Todesangst gestorben. Denn kein Lebewesen kann ohne Gewalt getötet werden!


Ich glaube, auszublenden*, dass die fleischliche Nahrung mal lebendig war, gehört dazu, wenn man Fleisch ist, denn sonst würde man doch Mitgefühl für das Tier entwickeln. Es sei denn, man ist in gewisser Weise sadistisch veranlagt. Aber ich glaube, ein wenig davon steckt in jedem Menschen. In einem mehr – im anderen weniger. Das macht den Menschen zum Menschen.


Verdrängung ist überhaupt eine super Erfindung unserer Psyche! Aber dazu ein anderes Mal vielleicht mehr, sonst ufert dieser Beitrag noch aus ;)


Dann tinkel ich mal wieder zu meiner Geschichte meinem Roman :) Denn das ist es: Ich habe einen Roman geschrieben!!!! Waaaaaaaah!!!

*[Anmerkung: Und nur weil ich meine Gedanken, bezüglich der Kindergeschichten, die eventuell einen Einfluss auf der Kinder Ernährungsgewohnheiten haben könnten, vielleicht nicht gut genug strukturiert habe, wurde ich heute im Seminar so dermaßen verstört angestarrt… Sogar von einer Veganerin. Wie kann ich nur wagen zu behaupten, dass Menschen nicht daran denken, dass sie ein Tier essen, wenn sie in eine Wurst beißen… *mit der Zunge schnalz*]

0 Kommentare:

Wie hat dir der Beitrag gefallen?

Noch eine Tasse Tee?

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Die letzten Wochen sind wie eine Reise. Ein Trip zu mir selbst. Zu dem, wer ich bin, wer ich sein will und auch woher ich komme. Was sol...