Ich bin Testleser

Samstag, Februar 13, 2016 Tinka Beere 6 Comments

Heute möchte ich mit euch ein bisschen übers Testlesen quatschen.

Vor ein paar Wochen hat es sich ergeben, dass ich zugesagt habe, ein Manuskript Test zu lesen. Ich bin zwar noch am Anfang, doch trotzdem möchte ich schon ein bisschen von meinen Erfahrungen berichten.

Natürlich erfahrt ihr hier nicht, von welche Projekten von welchen Autoren ich erzähle.


Das erste Projekt ist im Jugendbuchbereich angesiedelt. Davon habe ich die ersten Paar Kapitel gelesen und ich muss sagen, es gefällt mir bis jetzt richtig gut. Das zweite Projekt habe ich erst gestern zugeschickt bekommen und es handelt sich dabei um Chick-Lit.
Wenn es soweit ist, werde ich euch sicher über beide Projekte auf dem Laufenden halten dürfen ;)


Warum ich als Autorin auch Test lese, obwohl ich mit meinen eigenen Geschichten sicher genug zu tun habe?


  • Es ist für mich ein mega großer Vertrauensbeweis, der mir entgegengebracht wird, immerhin handelt es sich um ein unveröffentlichtes Schriftstück. Und Dank diverser Skandale in der letzten Zeit ist das kein ungefährliches Unterfangen.
  • Außerdem habe ich so die Chance, unfertige Geschichten von anderen Autoren zu lesen, was mir selbst die Angst nehmen kann, denn auch diese Texte sind sicherlich nicht perfekt.
  • Ich finde so selbst Testleser für meine Geschichten, durch gegenseitige Gefälligkeiten.
  • Dadurch bekomme ich einen Blick auf fremde Texte, der mir auch für die Bearbeitung meiner eigenen Texte helfen kann.


Was mache ich, bevor ich einen anderen Text Test lese?


  • Mich interessiert natürlich das Genre, denn es gibt Arten von Geschichten, die ich nicht lesen möchte, z.B. Horror und Gemetzel.
  • Ich frage vorher immer, was von mir erwartet wird. Ich kann zwar einen Text lesen und meine Anmerkungen dazu machen, aber es ist hilfreich zu wissen, dass man sich z.B. nicht auf Tipp-, Rechtschreib- oder Grammatikfehler konzentrieren soll - Was sowieso weniger in den Aufgabenbereich von Testlesern fällt.
  • Ich spreche einen zeitlichen Rahmen ab, den der Autor erwartet. Dadurch kann ich verhindern, dass ich mich selbst unter Druck setze, weil ich vielleicht im Moment nicht ausreichend Zeit habe.
  • In welchem Format sollen die Anmerkungen zur Geschichte gemacht werden? Auch sehr wichtig, da dies schon darüber entscheidet, in welcher Dateiform, man die Geschichte zugeschickt bekommt. Passiert das ganze kapitelweise oder in einem Stück?


Während ich den Text lese?

  • Grundsätzlich möchte ich mir angewöhnen, jedes Kapitel oder jeden Absatz zweimal zu lesen. Ich habe schon jetzt gemerkt, dass man einiges übersehen kann, wenn man es nur einmal liest.
  • Beim ersten Durchgang mache ich mir direkt Notizen, wenn es mir auffällt. Ich habe Angst, sonst etwas zu vergessen, wenn ich alles im Kopf beim Lesen sammle. Also lieber so.
  • Beim zweiten Durchgang versuche ich eventuelle Gedanken- und Logikknoten zu lösen und meine Gedanken zu eventuellen Problemen zu konkretisieren. Außerdem können weitere Anmerkungen dazu kommen, die ich beim ersten Durchgang übersehen habe
  • Anschließend formuliere ich meine Anmerkungen noch um, damit sie verständlicher sind.


Was sollte man allgemein beachten?

  • Man sollte versuchen, seine Kritik (bitte nur konstruktive - der Autor und du wollen den Text ja verbessern) neutral zu formulieren. Keine Anfeindungen, aber auch kein Honig ums Maul schmieren.
  • Hin und wieder schadet ein Lob nicht, wenn man eine besonders gut Formulierte Textstelle entdeckt. Vielleicht kann man auch die eigene Reaktion darauf anmerken.
  • Ehrlich sein. Hast du keine Zeit oder gefällt dir die Geschichte nicht mehr, dann sei so fair und sag es dem Autor. Er kann dich nicht zwingen, seine Geschichte zu lesen. Es gibt nun einmal Geschichten, mit denen wird man nicht warm.
Mich würde total interessieren, wie eure Erfahrungen mit dem Test Lesen und mit Testlesern so sind. Habt ihr noch ein paar Tipps für mich?

Kommentare:

  1. Ich konvertiere alles, was ich testlesen soll, für den Kindle, weil es für mich damit mehr nach einem "richtigen" Buch aussieht, tippe dort direkt Anmerkungen rein und formuliere die dann später aus.
    Die meiste Kommunikation läuft per Email ab, ich habe bislang nur einen Autor, mit dem ich das per Skype oder persönlich durchgehe.
    Die Abklärung, was vom Testleser verlangt wird, finde ich wichtig. Tippfehler interessieren mich zB überhaupt nicht, solange das keine Endfassung ist, die zu einem Verlag soll. Und noch viel wichtiger finde ich, dass man den Autor ein bisschen einschätzen können sollte. Manche sagen zwar, sie wollen die ungeschminkte Wahrheit, vertragen sie dann aber nicht.
    Ich hatte Autoren, die nach einem von mir neutral gemeinten "die Handlungsweise in Kapitel 4 finde ich nicht gut, bin neugierig, wie der HC da wieder rauskommt" wütende Emails schrieben, was mir einfällt, ihr Goldstück zu kritisieren, und andere, die mir nach einer ausführlichen negativen Kritik am liebsten um den Hals gefallen wären und mir versprachen, mir bei der nächsten Buchmesse einen auszugeben :-)

    Was ich absolut nicht mag (ist mir erst einmal passiert): Wenn ich einen Autor auf logische Fehler aufmerksam mache (bei denen es keinen Interpretationsraum gibt) und dieser nur meint "ich weiß, aber trotzdem bleibt es so, wie es ist". Da frage ich mich, warum ich überhaupt testlesen soll, wenn keinerlei Bereitschaft zur Veränderung besteht. Dieser Autor flog wieder von der Liste, weil mir meine Zeit zu kostbar ist, sie mit einem 4.000-Wörter-Feedback zu vertun, auf das nicht im Geringsten eingegangen wird.

    Generell bin ich gern Testleser, wenn meine Arbeit geschätzt wird und ich die Bereitschaft erkenne, dass der Autor das Beste für die Geschichte will. Ich erwarte nicht, dass jede meiner Anmerkungen berücksichtigt wird, aber es wäre nett, wenn ich mitkriege, dass es dem Autor hilft, wenn er VOR dem Veröffentlichen einen unabhängigen Leser drüberschauen lässt.
    Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass nur die wenigsten Autoren bereit sind, an ihrem Manuskript zu arbeiten, und Testleser nur anheuern, weil sie gelobt werden wollen. Deshalb bin ich extrem vorsichtig geworden und mache das nur mehr für Leute, die mich darauf ansprechen und die ich kenne.

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    1. Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar, Jery :)

      Ja, da hast du recht. Es ist schade, um die Mühe, wenn sie nicht wertgeschätzt wird. Und blöd, dass du auch schon negative Erfahrungen machen musstest ...

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  2. Da ich selber weiß, wie wichtig Testleser im Leben eines Autors sind, bin auch ich gerne bereit diese Aufgabe zu übernehmen. - Ein absoluter Vertrauensbeweis - da stimme ich Dir zu! - Mal abgesehen davon, dass ich andere Autoren auch gerne unterstütze, finde ich es auch wichtig, die "andere Seite" kennen zu lernen. Nachdem ich die ersten Male test gelesen hatte, konnte ich das eine und anderer Problem meiner Testleser wesentlich besser nachvollziehen. Natürlich sollte man sich genau überlegen, ob man wirklich bereit ist, sich die Zeit dafür zu nehmen. Leute, die anfangs laut HURRA schreien und sich dann im "richtigen" Moment unsichtbar machen, sind echt nervig. Was ich nie erwarte ist, dass meine Anmerkungen letztendlich in das Manuskript einfließen. Es ist und bleibt die Entscheidung des Autors, selbst wenn er damit auch mal daneben liegt.

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    1. Ja, das ist auch meine Hoffnung, dass ich so mit der Kritik an meinen Werken besser umgehen kann ^^

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  3. Ich wußte, ich habe etwas vergessen!
    Ich wollte doch schon im Feb. hier kommentieren...

    Die Sache mit dem Testleser, ist für mich schwierig. Und zwar aus genau den Gründen, die Du und Jery schon geschildert haben. Ich habe einmal für zwei Bekannte gelesen, einmal in einem Genre, das überhaupt nicht in mein Fangmuster fällt und einmal ein Märchen. Kritikpunkte am Märchen wurden abgetan mit "Du hast ja keine Ahnung, weil du sowas nicht schreibst" (ich habe früher viele Märchen gelesen, aber offenbar zählte das nicht) und Kritikpunkte am falschen Genre wurden so geändert, dass ich, als ich dann das fertige Buch noch einmal lesen durfte, festgestellt habe, dass es vorher besser war. Aber der Autor war so begeistert von meiner Kritik, dass er alles umgeändert hatte - anstatt mir das fertige Buch erstmal zu geben.
    Meine Erfahrung als Autor mit Testlesern ist ähnlich schwierig. Ich hatte mehrere für mein Buch, darunter auch Leute, die ich nie persönlich kennengelernt habe und denen ich nichts schuldete oder so. Alle waren begeistert. Niemandem fiel irgendetwas Kritisches auf, außer einem, der extra den Auftrag hatte Rechtschreibung und Grammatik zu kontrollieren (ich bin da sehr fantasiereich). Ich habe das Buch also fertig gemacht und zum Verkauf angeboten. Es wurde von Neobooks sogar im Lektorat begutachtet - und erhielt eine vernichtende, allerdings gute Kritik. Alle Punkte, die mir das Lektorat genannt hat, bin ich im stillen Kämmerchen durchgegangen und ich muss sagen, da Lektorat hat 100% Recht. Warum vier Testleser das nicht bemerkt haben (oder nicht bemerken wollten?), ist mir schleierhaft, hat mir jetzt aber für alle zukünftigen Projekte etwas mehr als nur den Mut genommen.

    Insofern freue ich mich für Deine Autoren, wenn sie von Dir ehrliche Rückmeldungen bekommen und nicht nur schön formulierte Nichtigkeiten.
    Wenn es Dir dann auch noch etwas bringt, ist das umso besser :-)

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    1. Danke, dass du dir trotzdem die Zeit genommen hast. Obwohl der Artikel schon etwas älter ist, freue ich mich trotzdem :-)

      Das hört sich wirklich nicht so toll an. Ich bin gespannt, wie sich dann meine Testleser für meine Romane schlagen. Beim "Blogging Guide" scheine ich mit ihrer Hilfe ja alles richtig gemacht zu haben, was mich natürlich freut :-)

      Ich hoffe, du findest für dich dann auch die richtigen Leute, die sich auch trauen, dir Kritik zu geben. Manchmal ist es ja nicht so einfach, weil andere einen nicht verletzen wollen. Und wie ernst es Leute meinen, die man nur flüchtig über Facebook oder so kennt, weiß man wohl auch erst hinterher. Das ist echt nicht leicht, die richtigen Leute zu finden und wahrscheinlich braucht es ein paar Bücher, um eine feste Testlesergemeinschaft für sich zu haben, mit denen man gut zusammenarbeiten kann.

      Ich drück dir dafür alle Daumen und hoffe, du findest deinen Mut wieder. Es wäre schade, wenn vielleicht tolle Geschichten "nur" deshalb nie den Weg in die Öffentlichkeit finden.

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