The Year I Met Santa - (K)eine Weihnachtsgeschichte

Samstag, Dezember 24, 2016 Tinka Beere 0 Comments



Es war zu der Zeit im Jahr, in der alle fröhlich zu sein schienen. Weihnachten stand kurz bevor und in mir wollte keine Weihnachtsstimmung auftauchen. In diesem Jahr hatte ich meinen Job verloren und meine Eltern. Meine Mutter war bei einem Unfall ums Leben gekommen und an diesem Tag zerbrach meine Familie. Ich brach den Kontakt zu meinem Vater ab und auch meine Geschwister sah ich auf der Beerdigung das letzte Mal. Das Jahr hätte wahrlich nicht schlimmer kommen können, so verließ mich im Sommer dann auch mein langjähriger Freund und als ich glaubte, es konnte nicht mehr schlimmer kommen, starb auch meine Katze. Dieses Jahr war nicht mein bestes gewesen und ich wollte eine Auszeit von meinem Leben. Der Herbst schleppte sich dahin und nun war es Weihnachten.

In diesem Jahr lernte ich Weihnachten zu hassen. Zunächst blickte ich allem mit einer gelassenen Gleichgültigkeit entgegen, doch je näher der Advent kam, desto beschissener ging es mir. Alle waren fröhlich, zählten die Tage. Doch ich besaß nicht einmal einen Adventskalender. Das war es mir nicht wert. Das war ich mir nicht wert. Wer war ich denn schon. Ich hatte keine Familie mehr, innerhalb weniger Monate war alles von mir abgebrochen und ich war nur noch ein unförmiger Klumpen etwas, der sich unter seiner Decke verkriechen und am liebsten sterben wollte.

Amsterdam, das war mein Ausweg gewesen. Ich stellte es mir so schön vor, allein, fernab meiner Probleme. Einfach wegfahren, doch je näher der Dezember kam, desto mehr wurde mir klar, dass meine Kohle dafür nicht ausreichen würde. Ich sah mich an den Weihnachtsfeiertagen schon eine Bewerbung nach der anderen tippen, verzweifelt auf der Suche nach einem Job.

All die Jahre zuvor konnte ich die Zeit mit meiner Familie kaum erwarten, auch wenn es nicht perfekt war - es war immerhin etwas. Doch nun war es gar nichts mehr. Ich fühlte mich so falsch am Platz, wie schon lange nicht mehr, hatte keinen Appetit, nahm innerhalb weniger Wochen über zehn Kilo ab. Es bemerkte niemand. Ich wollte schreien, doch auch diese Schreie hätte wohl niemand registriert. Wozu auch, wer war ich schon?

Ich war allein. Richtig allein. Ich hatte keine Hoffnung, keine Perspektive, niemanden, der sich für mich interessierte. Alle waren mit sich selbst beschäftigt und das war auch gut so. Denn eigentlich wollte ich gar nicht bemerkt werden. Ich verdammtes kleines Häufchen Elend.

Heiligabend war gekommen. Schneller, als ich es für möglich gehalten hatte. Ich hatte mich mit ein paar Freunden verabredet, später, um zu saufen und die Sorgen zu vergessen. Einen Abend lang nicht allein zu sein, gemeinsam mit anderen, eher flüchtigen Bekannten. Ich hatte sie alle in diesem Jahr kennengelernt, als ich Abend für Abend in einer Bar saß und versuchte, meinen Kummer in Alkohol zu ertränken. Irgendwann wurde mir bewusst, dass das alles nichts brachte, nur zeitweise konnte ich vergessen, wie dreckig es mir ging. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. Meine Hoffnung legte ich in das neue Jahr, auf ein besseres Jahr als dieses, doch zunächst musste das alte überstanden werden. Irgendwie.

Ich scrollte mich durch die Facebook-Timeline meiner Freunde. Internetbekanntschaften. Noch nie hatte ich jemanden in echt getroffen, doch virtuell fand ich mich nun in ihren Wohnzimmern wieder. Betrachtete die Weihnachtsbäume, geschmückt und davor die vielen Geschenke. In einer Gruppe hatte jemand einen Thread begonnen Wer feiert denn noch kein Weihnachten? Ich hasse diese geheuchelte Nächstenliebe! Ich fühlte mich verstanden, aber war ich wirklich zu einem Grinch geworden? Ich wollte den anderen ihre Freude nicht gönnen, missbilligte allen die weihnachtliche Sinnlichkeit.

In den letzten Monaten hatte ich genug Zeit mit mir verbracht, um mir bewusst zu werden, dass wir doch im Grunde genommen alle allein sind auf dieser Welt. Wenn es hart auf hart kommt, dann ist niemand da, um dir beiseite zu stehen. Alle sind viel zu sehr mit sich und ihrer Scheinwelt beschäftigt, um sich um andere zu kümmern. Wer laut schreit, wird gehört, doch wer leise flüsternd um Hilfe wimmert, wird überhört. Wie der Bettler, dem man nichts in seinen Becher werfen will. Man geht vorbei, es kümmert einen nicht. Man will dieses beißende Gewissen am liebsten ignorieren, nicht zu wissen, ob er wirklich hungert oder nur dem nächsten Schuss entgegenfiebert, macht es einem leichter, an so etwas will man nicht denken. Wieder ist man nur bei sich und seinem Leben. Und den zahlreichen Weihnachtsbäumen seiner Facebook-Freunde. Ich hatte das Gefühl, sie wollen nur sich selbst übertreffen mit ihren Bäumen, einer prachtvoller geschmückt als der andere, rufen sie sich gegenseitig Frohe Weihnachten um die Ohren. Und die, die still bleiben, werden überhört. Immer.

Du musst laut sein in dieser Welt, um gehört zu werden. Den einen Tag passieren schreckliche Dinge, am nächsten Tag werden Statements gelöscht und noch einen Tag später beginnt der virtuelle Weihnachtsbaumweitwurf.

Irgendwann schaltete ich das Smartphone ab. Kappte das Internet, meine Leitung nach draußen. Ich wollte das alles nicht mehr hören. Grinchy war ich. Hatte grinchy Weihnachten.

Merry Christmas! prostete ich mir mit der Wodkaflasche in der Hand zu, dann kniff ich die Augen zusammen und sah wieder klar, während eine Träne über meine Wange lief. Merry Christmas!

Aus dem Fenster blickend sehnte ich das Gefühl aus meiner Kindheit herbei. Ich stellte mir vor, wie ich Santas Schlitten durch die Nacht fahren sah und spürte schon wieder das Zwiebeln in meiner Nase, der untrügliche Beweis dafür, dass erneut Tränen in meine Augen stiegen.

Ich sollte nicht gehen, dachte ich. Was bringt es, mich schon wieder abzuschießen. Wäre es nicht mal was anderes, Weihnachten zu Hause auf dem Sofa zu verbringen? So kuschelte ich mich zwischen zwei Decken auf meine IKEA-Couch und loggte mich bei Netflix ein. Weihnachtsfilme, na super. Bisher hatte ich sie ignoriert, keinen einzigen gesehen und scrollte weiter zu meiner Watch-List bis ich die Serie fand, die mich dazu brachte, nicht nachzudenken, sondern einfach nur zu inhalieren und die Gedanken auszuschalten: Big Bang Theory. Nach wenigen Minuten wurde mir klar, auch hier hatte ich eine Weihnachtsfolge erwischt. In Gedanken prostete ich mir erneut zu und ergab mich meinem Schicksal.

Halb angetrunken hatte ich mitten in der Nacht die glorreiche Idee, durch die Straßen zu wandeln. Ich weiß nicht warum, aber wenn ich getrunken habe, überkommen mich meistens seltsame Ideen, also schlüpfte ich in meine Klamotten und machte mich auf den Weg. Einfach nur durch die Straßen geistern, denn an diesem Abend waren vermutlich die wenigsten Menschen draußen unterwegs und ich konnte allein sein und dank der Kälte spüren, dass ich doch noch irgendwie am Leben war.

Und dann traf ich Santa. Wortlos drückte er mir ein kleines Päckchen in die Hand. Kein Hohoho und keine frohe Weihnachten. Verwirrt und leicht schwankend betrachtete ich das kleine Ding und drehte es in den Händen. Dem kindlichen Instinkt folgend öffnete ich das Geschenk. Darin war nichts sichtbares, doch mich erfüllte gleichzeitig eine unheimliche Wärme wie bei einer liebevollen Umarmung. Als ich aufsah, war Santa verschwunden. Ich stolperte wie in Watte gepackt mit einem Tränenschleier vor den Augen durch die Nacht und die Erkenntnis kam in mir auf: Weihnachten ist das, was man daraus macht. Und das Leben auch …

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