[Gedanken zu ...] meinem Leseverhalten

Dienstag, Januar 10, 2017 Tinka Beere 0 Comments



Prinzipiell ist das Lesen ein recht einsames Hobby. Klar, sich nebenbei mit jemandem unterhalten geht auch schlecht. Zum Lesen brauche ich, je nach Buch, absolute Ruhe. Okay sind auch ein paar Hintergrundgeräusche, wie zum Beispiel beim Zugfahren. Weniger gut geht es, wenn ich warten muss, also zum Beispiel in Wartezimmern beim Arzt oder so. Da kann ich mich auf die Geschichte weniger gut konzentrieren. Ist es ein spannendes Buch und ich kann mich kaum von den Seiten lösen, dann passiert es schon mal, dass ich spazierlese - also, ich gehe nicht wirklich spazieren. Ich gehe nie spazieren. Entweder gehe ich, um von A nach B zu kommen, oder ich gehe joggen. Spazieren niemals. Aber das Wort hört sich besser an als gehlesen, darum heißt es bei mir so. Gut, muss ich von A nach B und lese gerade ein spannendes Buch, dann wird auch im Gehen gelesen. Das ist nicht ganz so smombiemäßig, allerdings habe ich doch schon die eine oder andere Laterne mitgenommen ...

Lesen ist also ein einsames und ziemlich nerdiges Hobby. So erfuhr ich vor einigen Jahren eine Offenbarung, dass es im Internet Menschen gibt, die sich über Bücher austauschen. Im privaten passierte das eher selten. Sicher, ein paar "Klassiker" wie Harry Potter kennt jeder, nur bin ich nicht der Mensch, der sich gern über den Jungen mit der Blitznarbe unterhält. Mich begeistern andere Bücher mehr und Harry Potter ist für mich nur ein ganz gut durchdachtes, mehrreihiges Jugendbuch. Kein Grund, um auszuflippen also.
Zurück zu den Buchblogs und damit etwas später auch zu den Booktubern. Sie eröffneten für mich eine neue, aber auch ziemlich gefährliche Welt. Ich fühlte mich bei ihnen als Leser und Zuschauer wohl und nicht mehr ganz so nerdy. Mit dem Überschreiten dieser Schwelle gab es plötzlich viele neue Dinge, über die ich mir bis dahin keine Gedanken gemacht habe: Der ominöse SuB, Buchkaufverbote, Lesestatistiken, Lesefortschritte bei Goodreads und vieles mehr. Wie bei allem neuen bin ich erstmal hungrig und will auch. Logisch. Und so begann ich, meine Bücher zu zählen, selbst über mein Leseverhalten und die gelesenen Bücher zu bloggen, zu berichten, welche Bücher es neu in meinem Regal gab und damit zeitgleich, massiv Bücher zu kaufen. Ich plünderte regelrecht die vielen Mängelexemplar-Wühltische. Schlecht fühlte ich mich dabei nicht, schließlich war ich in einem Kaufrausch - und die anderen machten es ja auch. Liebe voll pflegte ich die neuen Schätze in meine Exceltabelle ein (fühlte mich normal und gar nicht nerdy dabei) und stapelte mir einen SuB zurecht, der immer und immer wieder umsortiert wurde: nach Farbe, Größe, Autor, Alphabet, ... jede erdenkliche Weise, auf die man Bücher sortieren kann.

Nicht nur das Buchkaufverhalten der anderen Bücherwürmer machte ich mir zum Vorbild, sondern auch das Leseverhalten. Vor der Entdeckung der Buchwelt im Internet las ich im Jahr ... Ich weiß nicht, wie viele Bücher. Weil es einfach egal war, ich las so, wie ich lustig war und machte mir keinen Stress. Kaufte mir ein Buch oder auch mal zwei und las diese dann. Einen kleinen SuB hatte ich zwar auch, der aber ausschließlich Bücher umfasste, die ich geschenkt bekommen hatte.
Seit dem Dezember 2013 tracke ich mein Leseverhalten. Irgendwie weird, dass man etwas aufzeichnen muss, was man doch tut, um es zu tun. Ich tracke ja auch nicht, wie oft ich atme - so lange ich nicht umkippe, wird es wohl genug sein :D
Irgendwann verzweifelte ich an dem Vergleich. Ich bemerkte schnell, dass ich viel langsamer las als andere. Sonst wäre mir das nie aufgefallen. Wie auch, ich hatte ja keinen Vergleich und für mich war ich gut, so wie ich eben war. Punkt. Ende Gelände.

Kleiner Einschub: Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass ich eine Leseschwäche habe (die Rechtschreibschwäche, welche oft damit einher geht, ist minimal und ich weiß, wie ich sie ausgleichen kann). Ich weiß, Eigendiagnose ist so eine Sache und so, aber es gibt recht eindeutige Hinweise. Ohne den Vergleich mit anderen hätte ich das vielleicht nie herausgefunden - so hat es doch sein Gutes -, denn ich kann mit dem, was ich tue, für andere ein Vorbild sein. Ich habe aus bestimmten Gründen eine Beeinträchtigung beim Lesen, lasse mich vom selben dadurch aber nicht abbringen - im Gegenteil, ich schreibe sogar selbst :)

Zurück zum Thema: Der Vergleich mit anderen setzte mich also unter Druck. Ich musste plötzlich eine gewisse Anzahl an Büchern lesen, obwohl mir diese doch vorher schnurzpiepe war. Schaffte ich es nicht, war ich unzufrieden mit mir. Hinzu kommt die Autorencommunity, der irgendwie auch die großen, bekannten Autoren angehören, welche sagt: "Wenn du schreiben willst, musst du viel lesen!" Keiner sagt genau, wie viel, nur hatte ich immer das Gefühl, dass ich viel zu wenig lese - denn andere lasen ja mehr als ich.
2014 setzte ich mir das Ziel, 50 Bücher zu lesen. Mit 56 Büchern erreichte ich es. Und eigentlich ist das schon eine ganze Menge, wenn man sich überlegt, dass das 10 Prozent mehr ist, als die Hälfte der Deutschen im Jahr lesen (Umfrage zum Leseverhalten); viele lesen weniger. Im nächsten Jahr sollten es dann mehr werden, 70 Bücher wollte ich lesen und tatsächlich habe ich sogar 71 Bücher gelesen. Das wollte ich 2016 toppen ...
Es gelang mir nicht. Schade, aber es war okay, denn ich dachte mehr über das nach, was ich da eigentlich tat. Ich gelange wieder zurück an den Punkt, den ich früher hatte. Lesen ist kein Wettbewerb. Natürlich wird durch die Vielzahl der täglichen Veröffentlichungen so ein Verhalten gefördert und mir beschehrte diese Erkenntnis ein Ohnmachtsgefühl. Ich kann niemals alle Bücher Lesen, nicht einmal die, die ich mir auf meiner Wunschliste vermerkt hatte. Das war das wirklich deprimierende. Hinzu kommt, dass sich mein Lesegeschmack verändert. Und zwar schneller, als ich die Bücher von meinem SuB lesen und selbst viel, viel schneller, als dass die Bücher meiner Wunschliste in mein Bücherregal wandern können. Schon seit Jahren vom Thema Minimalismus fasziniert, zeigt die Lektüre von Simplify your Life langsam eine Wirkung bei mir. Horten ist keine Option mehr für mich ...

Diese Erkenntnis hatte meine Ausmistaktion am Ende des letzten Jahres zur Folge: Ich habe meinen SuB durchsortiert und meine Wunschliste gelöscht.

Ähnlich wie mit dem Schreiben in den letzten Jahren, geht es mir jetzt auch mit dem Lesen. Es ist schön zu wissen, dass es da draußen Menschen gibt, mit denen man sich über mehr Bücher als Harry Potter austauschen kann (obwohl es unter den Leseratten da draußen unheimlich viele Fans des Zauberlehrlings gibt - unheimlich unheimlich viele), aber ganz ehrlich: Ich möchte dieses "einsame" Hobby, doch lieber wieder für mich ausführen. Ich möchte mir Zeit geben, das Buch gut oder schlecht zu finden, ohne einer gewissen Art von Gruppenzwang zu unterliegen. Kein Goodreadsupdate, dass mich stresst, weil es zum Kommentieren animiert, wie gut das Buch gefunden wurde. Kein Bild mit dem Hashtag #currentlyreading auf Instagram (was gerade aus technischen Gründen eh nicht geht - welch Ironie), das mit dem schlechten Gewissen einher geht, dass ich es immer noch nicht zu Ende gelesen habe. Ich kann mir Zeit lassen und auch mal wieder ein richtig, richtig dickes Buch lesen, weil ich nicht das Gefühl habe, dass jemand von mir erwartet, jetzt schon eine Meinung dazu zu haben. Und dicke Bücher hatten es in den letzten Jahren leider viel, viel zu schwer bei mir. Gerne hätte ich mal wieder einen historischen Schinken gelesen, aber das Jugendbuch (im Hinterkopf immer meine Statistik) war dann mit seinem geringeren Umfang viel verlockender. Bei mir kommt es eben vor, dass ich mehrere Bücher gleichzeitg lese. Schon aus diesem Grund kann ich nicht alle drei oder vier Tage ein Buch beenden. Und immer und immer wieder im Wechsel die Bücher zu posten, die man jetzt gerade liest - auch wenn es nur mal eine Seite ist -, erscheint mir unnötig und zu viel und ganz und gar nicht minimalistisch ...

Trotz allem möchte ich das, was ich lese, gerne mit anderen Teilen. Vor allem die Bücher, die in meinen Augen wichtig sind. Bücher, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar animieren, das eigene Denken, Handeln und Leben neu auszurichten. Bücher, die verändern, eben. Und solche Bücher zu lesen, braucht Zeit, denn ich möchte nicht mehr wegen einer Statistik durch die Seiten hetzen. Überhaupt möchte ich weniger durch mein Leben hetzen und mir wieder mehr Zeit zum Lesen nehmen - was mir bisher erfolgreich gelingt, begünstigt durch die Abwesenheit meines Smartphones im Bett :D

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