[Gedanken zu ...] Glauben, Gott und Religion

Mittwoch, Februar 08, 2017 Tinka Beere 0 Comments


 

Eine Geschichte, die Sie an Gott glauben lässt.

Das mit dem Glauben ist gar nicht so einfach. Manche Menschen glauben, was sie sehen, und andere wiederum, was sie glauben. Haha.

Ich würde mich nicht von Grund auf als einen religiösen Menschen bezeichnen. Als Baby wurde ich zwar getauft und auch ein paar Jahre später konfirmiert, aber irgendwie war da nie eine Verbindung zum Christlichen außer eben die Besuche der Kirche an Ostern und Weihnachten, hin und wieder zwischendurch, weil man es eben so macht. Es war einfach so und wenn man mit etwas aufwächst, nimmt man es meistens auch als gegeben hin. Gefühlt habe ich es nie, geglaubt nie mit dem Herzen. Die Bibel ist für mich eine Geschichte, ein Buch aufgeschrieben von jemandem. Das ich an Geschichten glauben kann, ist selbstverständlich, schließlich bin ich Autor, aber nur die wenigsten Geschichten gehen tiefer, sodass man sagen kann, man glaube sie auf einer anderen Ebene als nur mit dem Verstand.

Was ich jedoch geglaubt habe, war etwas anderes. Etwas, das ich nicht in Worte fassen, nicht konkret beschreiben kann - traurig, wenn man doch ein Autor ist. Aber es gibt eine Möglichkeit, es trotzdem zu erzählen. Bezeichnungen wie Gott sind da für mein Empfinden völlig unpassend. Ich glaube daran, dass es irgendwas gibt. Im Teenageralter habe ich immer gesagt, ich habe meine eigene Religion erfunden, weil es mir merkwürdig erschien, dass es Begriffe für etwas gibt, was ein Gefühl beschreibt - vor allem, wenn sie so fixiert sind in einem Bild. Religion ist für mich etwas höchst Individuelles und es ist für meine Vorstellung verrückt, dass tausende und milliarden von Menschen genau das gleiche empfinden. Um es anderen zu erklären, habe ich meinen Glauben immer als eine Mischung aus verschiedenen Religionen beschrieben, am größten war wohl der buddhistische Teil.

Ich bete nicht - oder wenn, dann nur ganz selten. Zu wem sollte ich auch beten? Ich habe es ein paar Mal mit Gott versucht, aber es hat sich nicht richtig angefühlt. Es gibt für "meinen" Glauben keinen Ansprechpartner, es gibt nur dieses Gefühl, dieses Wissen, dass es da etwas gibt, und den Glauben daran. Kein Leben nach dem Tod, keinen Erlöser, keinen Weltenlenker, nichts, was die Verantwortung für unsere Taten übernimmt. Die Vorstellung, dass die Verstorbenen als Geister um uns herum sind (und sich für uns interessieren), finde ich gleichermaßen gruselig und einer trösten wollenden Fiktion angehörig zugleich. Es fühlt sich nicht richtig an.

Religion und Wissenschaft lässt sich nicht miteinander vereinen? Für einige stimmt das. Für mich überhaupt nicht; eher im Gegenteil ergänzen sie sich perfekt. Wissenschaft beschreibt Dinge, die passieren - wissen kann sie natürlich nicht alles. Ich liebe es, mich mit verschiedenen Phänomenen zu beschäftigen; mal das eine, mal das andere: Physik, Psychologie, Philosophie, Geschichte, die weit über das, was Menschen aufgeschrieben haben hinaus geht, Biologie. Das alles ist ultraspannend, steht aber in keinem Gegensatz zu dem, was ich glaube.

Auch wenn es Themen gibt, die man aus verschiedenen Gründen nicht in der Öffentlichkeit diskutieren sollte, um nicht eine Welle von Gegenwehr und Diskussion loszutreten (Politik, Religion, Ernährung), möchte ich es trotzdem tun - oder zumindest meinen Gedanken dazu freien Lauf lassen; dafür ist dieser Blog ja da.


Vor einigen Jahren sah ich den Film Life of Pi im Kino und war fasziniert von den Farben, die einen bleibenden Eindruck in meinem Gedächtnis hinterließen. Irgendwann realisierte ich, dass er auf einem Buch basiert und wollte es unbedingt lesen. Weitere Jahre vergingen, bis ich es tatsächlich lesen sollte.


Ja, vielleicht sind dies verkappte Buchgedanken - aber nur vielleicht.

Tatsächlich brauchte ich einige Anläufe, bis ich dieses Buch verschlang. Zu Beginn war es wie immer, doch ab der Hälfte klebte ich an den Seiten und konnte mich kaum noch davon losreißen. Unglaublich!

Ich muss sagen, der Klappentext ist schon ein starkes Stück. Eine Geschichte, die Sie an Gott glauben lässt. Naja, ich war skeptisch. Gott im klassischen Sinne gab es für mich ja nicht und ich glaubte kaum, dass ein Buch daran etwas ändern konnte. Allerdings habe ich genau den Gott (wenn man das, woran ich glaube, denn so nennen möchte) in diesem Buch gefunden. Genau wie Piscine bzw. Pi glaubte ich auch an eine Mischung aus verschiedenen Religionen. Er ist Buddhist, Hinduist und Christ gleichermaßen, was bei vielen natürlich auf eine gewisse Verwirrung stößt. Vielleicht ist auch das der Grund, warum ich mich beim Lesen ganz gut mit ihm identifizieren konnte. Er kennt sich mit Tieren aus, was naheliegend ist, da er mehr oder weniger im Zoo aufgewachsen ist. Auch ich habe zumindest ein gewisses Händchen für manche Tiere. Das Abenteuer beginnt im Buch relativ spät für mein Gefühl, weil ich im Hinterkopf trotz allem noch den Film hatte, aber für die Geschichte im Gesamten tut dies keinen Abbruch - auch nicht, dass man schon weiß, wie sie endet, da der Autor des Buches die Geschichte von Pi erzählt bekommt. Wie bei so vielen Dingen ist also der Weg das Ziel und dieser Weg ist unglaublich gut und schön geschrieben.

Ich begriff, wie klein und unbedeutend mein Unglück war, und ich verstummte. In einer solchen Szenerie war mein Leiden kleinlich. Das sah ich ein, dagegen gibt es keinen Widerspruch. (Erst bei Tag kamen die Proteste: "Nein! Nein! Nein! Mein Leben ist von Bedeutung. Ich will leben! Das Leben ist wie ein Blick durchs Schlüsselloch, ein winziger Zipfel der Unendlichkeit, den wir erhaschen - was soll ich denn anderes tun als mich an diesen einen, kurzen Augenblick zu klammern? Das Schlüsselloch ist doch alles, was ich habe!")

Zwischen diesen Seiten steckt so viel Weisheit und ich glaube tatsächlich, dass diese Geschichte einen an Gott glauben lässt - jeden an seinen eigenen.

Diese Geschichte hat mich schockiert in ihrer Grausamkeit, fasziniert in ihrer Schönheit und mich bewegt - ganz tief in mir drin. Beim Lesen verspürte ich so einen Frieden in mir. Egal, wie oft ich beim Lesen unterbrochen wurde, ich fand nach wenigen Wörtern wieder in die Geschichte hinein, war ganz in ihr versunken. Ich habe sie in mich aufgesogen und so manche weisen Worte mit einem Klebezettel markiert.

Die Welt ist doch nicht einfach wie sie ist. Es kommt doch darauf an, wie wir sie verstehen, oder nicht? Und wenn wir sie verstehen, fügen wir doch auch etwas hinzu, oder nicht? Und wenn das so ist, ist dann nicht das ganze Leben eine Geschichte?

Im ganzen Buch gibt es Tiere. Es ist die Geschichte eines Tigers, der mit einem Jungen Schiffbruch erleidet. So viele wahre Worte kann man beim Lesen daraus mitnehmen. Worte, die mir so unglaublich gut tun, denn wenn es einen Gott gibt, dann habe ich ihn in Tieren gefunden, so spookie es sich vielleicht anhört.

Wenn wilde Tiere uns Menschen anfallen, dann tun sie es aus schierer Verzweiflung. Sie kämpfen, wenn sie keinen anderen Ausweg mehr sehen. Es ist immer das letzte Mittel.

Genau wie Pi bin ich Tieren begegnet und könnte Geschichten erzählen, die einen an Gott glauben lassen - vielleicht nicht so nah am Rande der Existenz. Okay. Aber darum glaube ich, dass diese Geschichte wirklich passiert sein kann, obwohl es Menschen gibt, die sie nicht glauben - glauben wollen.

Wenn Sie nur wahrhaben wollen, was sie glauben können, wofür Leben sie dann überhaupt? Liebe, ist die etwa glaubwürdig?

Ich weiß, was Sie wollen. Sie wollen eine Geschichte, die Sie nicht überrascht. Eine, die Ihnen bestätigt, was sie schon wissen. Eine, die Sie nicht weiter und nicht tiefer blicken lässt, eine, die Sie nicht mit neuen Augen betrachten müssen. Sie wollen eine zweidimensionale Geschichte. Eine leblose Geschichte. Die Dürre der Wirklichkeit, in der keine Saat aufgeht.

Das Ende des Buches lässt mich einerseits fassungslos, andererseits mit einem Lächeln im Gesicht zurück. Zuerst wusste ich nicht, was ich glauben sollte, aber dann wurde es mir klar ...

Einen Moment mit diesem Buch gab es, der mich stutzig machte und mich doch zutiefst beruhigte. Lass es Zufall gewesen sein oder was auch immer. Als ich das Buch gelesen habe und an der Stelle mit dem Wal war, lief ein Lied im Radio, das ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört habe und welches ich genau mit dieser Szene verbinde ... [2:13]




Schiffbruch mit Tiger? Diese Geschichte würden Sie nicht glauben? Kein Wunder. Fantastisch. Verwegen. Atemberaubend. Wahnsinnig komisch. Eine Geschichte, die Sie an Gott glauben lässt.
Pi Patel, der Sohn eines indischen Zoobesitzers und praktizierender Hindu, Christ und Muslim erleidet mit einer Hyäne, einem Orang-Utan, einem verletzten Zebra und einem 450 Pfund schweren bengalischen Tiger namens Richard Parker Schiffbruch. Bald hat der Tiger alle erledigt – alle, außer Pi. Alleine treiben sie in einem Rettungsboot auf dem Ozean.
Eine wundersame, abenteuerliche Odyssee beginnt.

 Yann Martel | Schiffbruch mit Tiger (2004) | 384 Seiten | FISCHER Taschenbuch | Life of Pi (2001)

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