Ich bin genug

Samstag, Juni 24, 2017 Tinka Beere 2 Comments



Wut war das erste Gefühl, dass ich heute morgen gespürt habe. Noch bevor ich aufgewacht bin, war es da - und es ist vermutlich die unangenehmste Art aufzuwachen, wenn man ein negatives Gefühl aus einem Traum mitnimmt.

In letzter Zeit sind mir zwei Dinge aufgefallen. Erstens, ich habe kaum noch Lust zum Lesen und zweitens, mein Alltag befindet sich wieder einigermaßen in einem Gleichgewicht. Immer dann kommen alte Emotionen auf, ich denke viel nach und kann mich nicht mit fiktiven Geschichten auseinandersetzen. Und das nächste, was ich nach der Wut heute morgen spürte, war die Erkenntnis, dass ich wieder etwas gefunden habe, was mich belastet. Es ist schon einige Jahre her, doch noch immer trage ich es mit mir herum: Das Gefühl, nicht genug zu sein, nicht so akzeptiert zu werden, wie ich bin.

Es gab in meinem Leben Menschen, die ich eigentlich längst hinter mir gelassen habe. Ich wollte sie loslassen, weil ich merkte, dass sie mir nicht gut tun - doch sie haften immer noch an mir. Sätze, die sie sagten, trafen mich so tief, dass ich selbst mit mir Mitleid empfinde (ein Gefühl, das ich hasse. Ich möchte es nicht haben und auch nicht anderen geben. Von Mitleid kann man sich nichts kaufen - Mitgefühl ist eine andere Sache). Und diese Sätze sind es, hinter denen ich mich verstecke.

Letzte Woche habe ich euch von einem Podcast berichtet, den ich im Moment intensiv suchte. Zum Glück sind bereits einige Folgen online. Und heute morgen habe ich mir erneut eine Folge angehört:



Darin erzählt Laura eine Geschichte, die mir schon vorher irgendwo begegnet ist. Sie handelt von zwei Mönchen, die an einen Fluss kommen. Dort steht ein Mädchen, dass sie bittet, sie hinüberzutragen, da sie nicht schwimmen kann. Eigentlich ist es den Mönchen nicht erlaubt, Frauen zu berühren, dennoch nimmt der ältere der beiden sie auf seine Schultern. Auf der anderen Seite angekommen, setzt er sie ab und die beiden Mönche gehen ihren Weg weiter, bis der zweite Mönch schließlich fragt, warum er dies getan hat. Darauf erwidert der ältere Mönch, dass er das Mädchen auf der anderen Seite des Flusses abgesetzt hat, sein Begleiter trage es aber immer noch mit sich herum.


Ein schönes Bild, wie ich finde. Hoffentlich hilft es mir, auch mental mit den Schatten meiner Vergangenheit abzuschließen, denn ich habe diese Woche besonders gemerkt, wie es mich auch nach Jahren noch belastet. Einen kleinen Eindruck habe ich gestern auf Instagram hinterlassen. Wenn ich einmal unproduktiv bin, komme ich nicht zur Ruhe - und wenn ich etwas tue, den ganzen Tag, mehrere Stunden ohne Unterbrechung beschäftigt und produktiv bin, habe ich das Gefühl, ich tue nicht genug. Das was ich mache, ist nicht genug. Ich bin nicht genug und kann es nie sein, egal, wie ich mich anstrenge.

Immer produktiv sein wollen ⚫ Heute ist so ein Tag, an dem ich mich zu nichts aufraffen kann, mich aber gleichzeitig gräme, dass ich so schrecklich unproduktiv bin. Aber was ist #Produktivität eigentlich? Ich weiß doch selbst, dass es auch ruhigere Phasen geben muss. Trotzdem ist in mir diese Unruhe. Wie will ich meine Ziele erreichen, wenn ich nur hier rumliege, spanische #Musik höre und im neuen @flow_magazin blättere? So ein Blödsinn. Ich habe heute schon einiges getan. Den neuen Artikel fürs @Schreibmeer geplant, z.B. Oder wieder Klavier gespielt und ja, sogar an meinem Projekt gearbeitet. Später muss ich noch zur Arbeit. Warum erlaube ich mir selbst also nicht, mal runterzufahren? Ewig auf Facebook rumdaddeln, macht mich nicht glücklich. Im Gegenteil, ich sehe die Post von Menschen, die so viel machen, während ich mich in der Zwischenzeit so faul fühle. Statt es einfach mal hinzunehmen, dass ich heute nicht vor Elan strotze und ja trotzdem was gemacht habe, habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den Menschen, die endlich mal was von mir lesen wollen - denke ich. Dabei weiß ich, ihr seid verständnisvoll. Es ist nur mein Kopf, der sich schon wieder viel zu viele #Gedanken macht. Vielleicht sollte ich einfach mal wieder die Augen schließen und nur atmen. Habe ich gestern nämlich nicht gemacht 🙏 #autorenleben #writerslife #zweifel #prokrastinieren #lesen #waschbär #vaskebjørn #amreading #flow #juni #2017
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Passend dazu ist mir gestern auf Facebook ein Video von einem Auftritt von Julia Engelmann begegnet. Das Buch kannte ich - natürlich -, aber den Text habe ich so noch nie gehört oder gelesen:


"Eines Tages, Baby, werden wir alt sein, oh Baby, werden wir alt sein. Und die Geschichten, die wir dann erzählen traurige Konjunktive sein ... Wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp, und das wird sowieso passieren, dann erst werden wir kapieren: Wir hatten nie was zu verlieren, denn das Leben, das wir führen wollen, das können wir selber wählen. also, lass uns doch Geschichten schreiben, die wir später gern erzählen."




Wie oben schon kurz angeschnitten, lese ich im Moment nicht. Also, keine Bücher. Ich habe gerade irgendwie nicht den Kopf dafür - ihn damit aber voll mit Tausend anderen Gedanken. Auch wenn ich bereits begonnen habe, ein Buch zu lesen, dass sehr spannend ist und von dem ich eigentlich wissen möchte, wie es weiter geht - lese ich nicht weiter. Das macht mir ein wenig ein schlechtes Gewissen. Wieder solche Sätze wie Autoren müssen viel lesen geistern mir im Kopf herum. Aber was, wenn es mal nicht so ist, wenn das Lesen eher zur lästigen Pflicht wird? Und, eigentlich lese ich auch, die ganze Zeit: Blogs, Facebookposts oder im neuen Flowmagazin, zum Beispiel. Das reizt mich gerade mehr und ganz im Sinne meines Vorsatzes, kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, wegen dem, was andere denken könnten, versuche ich, es einfach hinzunehmen.


Ein Gedanke, der in dieser Woche omnipräsent war, war die Fassungslosigkeit, wie manche Dinge laufen. Mich selbst betrifft es nicht so sehr, weil ich mir die Welt manchmal doch ganz schön ausmalen kann. Positiv denken tut mir gut und ich bin den ganzen Tag eigentlich am Dauergrinsen.
Anders ist es aber, wenn es Menschen betrifft, bei denen es gerade nicht gut läuft. Ich möchte so gern helfen, weiß aber nicht wie und wenn ich dann diese alltägliche Diskriminierung beinahe hautnah miterlebe, dann bin ich entsetzt und schockiert. Ich bin Fassungslos, dass wir im Jahr 2017 leben, uns aber für alles rechtfertigen müssen. Da werden Vorurteile geschürt, weil jemand einen "minderwertigen" Job ausübt, da gibt es Menschen, die sich ihre Meinung aufgrund eines Blatt Papiers über einen anderen Menschen, einer vielschichtigen Persönlichkeit bilden, da werden Chancen nicht gegeben und es wird mit Existenzen gespielt. Mir ist klar, dass ein Personalchef an seine Firma denken muss, aber wenn er nicht einmal einen Blick über den Tellerrand riskiert, kann er nicht sehen, was es vielleicht für Möglichkeiten gibt. Wenn Menschen ausgenutzt werden, weil sie für andere scheinbar nichts im Leben haben, außer die Arbeit, wenn man dafür bestraft wird, dass man sich gegen Kinder entschieden hat - oder die andere Seite, wenn man sich rechtfertigen und erklären muss, wie man die Kinder versorgt, wenn man eine Anstellung beginnt. Wenn ich lese, dass es ja schön ist, wenn der Mann (der Vater der Kinder!) der Frau hilft, verstehe ich nicht mehr, was mit dieser Welt los ist.
Gut, wir leben nicht mehr im Mittelalter, es hat sich viel getan seitdem, wofür ich auch dankbar bin, aber was sich da draußen bei den Menschen abspielt, wie sehr hier mit Existenzen Russisch Roulet gespielt wird, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Ich bin sprachlos über so viel Ignoranz und Intoleranz.


Das Wesentliche, das Wesen der Dinge erkennen, ist gerade meine Nebenbeibeschäftigung. Grund dafür ist ein Hobby, dass ich als Kind mal hatte und welches irgendwo auf der Strecke geblieben ist: zeichnen. Der Wunsch danach, einfach mal wieder einen Stift in die Hand zu nehmen und zu zeichnen, war in dieser Woche sehr groß - auch schon letzte Woche, in der ich mir ein neues Notizbuch nur fürs Zeichnen gekauft habe.
Auslöser dafür war mein Buch über Grafikdesign, in dem ich endlich mal wieder geschmökert habe, und auch ein paar Youtube-Videos übers Zeichnen. Darin heißt es, dass Design nichts damit zu tun hat, Dinge genauso abzubilden, wie sie in der Wirklichkeit sind, das wäre kopieren, sondern eben ihr Wesen zu erkennen und darzustellen. Dies wirft ein ganz anderes Licht auf mein Verständnis fürs Zeichnen, wie ich es immer für mich gesehen habe. Ich liebte es, Bilder mit Bleistiftzeichnungen eins zu eins umzusetzen. Fand mich teilweise richtig talentiert. Dass mir das nicht immer gelang, ist klar. Viel zu oft waren die Proportionen von Tieren nicht ausgeglichen, sodass ich irgendwann jeden weiteren Versuch beendete, sobald irgendwas doof aussah. Mein Perfektionismus war nicht zufrieden, also blieb dieses Hobby auf der Strecke.
Mit der neuen Erkenntnis, eben das Wesen der Dinge zu sehen, hat sich etwas in mir verändert. Ich zeichne langsamer. Ich lasse mir Zeit, lasse das Bild sich entwickeln und (!) zeichne auch an einem angefangen Bild weiter. Früher, als Kind, ein NoGo für mich, wenn ein Bild in einem Malbuch bereits angefangen wurde, auszumalen :-D


Bildquelle: gofeminin.de
Mit der neuen Woche erweiterte sich auch mein Vorhaben, mich endlich wieder mehr mit mir selbst zu beschäftigen und mich selbst auch herauszufordern. Auf Pinterest entdeckte ich eine Challenge, um die Bauchmuskeln zu stärken. Ich habe keine Ahnung, ob es überhaupt irgendeinen Effekt hat (außer Muskelkater), aber das ist egal, denn eigentlich möchte ich nur die Challenge machen, um sie zu machen, nicht, um ein Sixpack zu bekommen :-D Jetzt bin ich schon bei Tag sechs - also, ich muss es gleich noch machen, aber die erste Woche war bisher ganz witzig ...


Ich wünsche euch jetzt noch ein schönes Wochenende und einen erfolgreichen Start in die neue Woche. Sicher lesen wir uns irgendwo wieder ;-)

Tinka

Kommentare:

  1. Es ist wahrlich erstaunlich, dass wir heute beinahe gleichzeitig einen Beitrag mit ähnlichem Titel geschrieben haben. Das zeigt mir mal wieder, dass die nachdenklichen und zurückhaltenden Geister sich viel zu selten zu Wort melden und wir irgendwie alle ähnlich ticken. Komisch, dass man sich dann doch ab und an allein damit fühlt.
    In jedem Fall kannst du stolz auf dich sein, denn immerhin denkst du schon tolerant, hast ein Blog, ein Team von Autoren um dich und ja, ganz viel erreicht.

    Ich klopfe dir aus der Ferne auf die Schulter. Yes, you are amazing. :3

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    1. Wow, Dankeschön <3 Das ist echt lieb von dir.

      Ja, das ist wirklich spannend. Deswegen finde ich solche Blogposts auch sehr wichtig, damit andere sehen, dass man nicht allein damit ist. Was allerdings vom Schreibenden auch ne Menge Mut erfordert.

      Klar, viele Dinge habe ich schon erreicht, die vor allem auch andere sehen, weil ich sie mit der Welt teile, aber manchmal setzt mich das auch unter Druck, weil ich denke, ich könnte mehr. Das ist natürlich jammern auf hohem Niveau und macht die Sache nicht besser. Aber an so Tagen, an denen ich durchhänge, ist das schlechte Gewissen doppelt so groß ... Dazu kommt, dass ich nie gelernt habe, stolz auf mich zu sein. Jeder Erfolg, den ich hätte feiern können, wurde von der Familie mehr oder weniger abgenickt nach dem Motto "klar, hast du dein Studium geschafft, und was machst du jetzt?" während andere mit ihren Familien essen gegangen oder sogar in den Urlaub gefahren sind. Mal sehen, wann ich lerne, mich wirklich für meine eigenen Erfolge zu feiern :D

      Danke fürs Schulterklopfen. Das tut gut. Du hast sicherlich auch schon einiges erreicht, auch wenn man es nicht so sehen kann. Du hast deine Gruppe mit Stella und der Job bei Papyrus - sehr cool!

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