Übers erwachsen werden und erwachsen sein

Dienstag, Dezember 19, 2017 Tinka Beere 0 Comments



Früher habe ich mir oft vorgestellt, wie es ist, erwachsen zu sein. In meiner Phantasie malte ich mir aus, wie mein Haus auszusehen hatte und mein Garten. Ein kleines Paradies nur für mich am Meer und direkt nebenan ein Wald. Natürlich hatte ich auch Pferde und Hunde und Hühner (weil die einfach mal ziemlich cool sind), natürlich auch eine Kuh (auch cool) und selbstverständlich einen Esel (weil die soooo süß sind). Ich erinnere mich noch gut, wie ich bei meiner Oma auf dem großen Sessel sitzend den Grundriss meines Gehöftes gezeichnet habe. Und wenn ich mit meinen Barbies gespielt habe, lebten sie in genau so einem Haus mit großer Küche (hinter der Spüle ein Fenster 😍).

Jetzt bin ich erwachsen, auf die eine oder andere Art. Die Sache, an dem ich die neu gewonnene Freiheit durch meinen Auszug von zu hause am meisten bemerkte, war die, dass ich den Geschirrspüler dann ausräumen durfte, wann ich wollte. Niemand meckerte, wenn nicht schon das kochend heiße, noch nasse Geschirr im Schrank stand oder ich zwei Tage brauchte bis die Maschiene leer war.
Mit dem Erwachsen werden und Auszug kamen auch andere Dinge hinzu, die ich nach und nach lernen musste. Mit dem Geld klarkommen, das mir zur Verfügung stand, Versicherungen abschließen, einkaufen gehen (ja, die Lektion, dass man am Sonntag nichts außer Toast im Schrank hat - am besten vor einem Feiertag am Montag -, müssen wir alle lernen 😅).
Wie ihr seht, lebe ich noch. Und das seit nunmehr siebeneinhalb Jahren nicht mehr zu Hause. Auch in letzter Zeit mache ich mir wieder viele Gedanken übers erwachsensein. Zwangsläufig habe ich mit vielen altersmäßig erwachsenen zu tun, aber manchmal kommen sie mir gar nicht so erwachsen vor.

Zum Beispiel hatte ich einen Kunden, der Zigaretten kaufen wollte. (Brotjob mäßig bin ich quasi im Einzelhandel unterwegs) Da er noch ziemlich jung aussah - ich bin gesetzlich dazu verpflichtet -, habe ich ihn nach dem Ausweis gefragt. Leicht genervt teilte er mir mit, dass er diesen nicht dabei hätte, aber schon über 18 wäre. Als ich ihm die Zigaretten nicht verkaufen wollte, war er ziemlich angepisst, meinte sogar, dass er stoned wäre und das ja wohl nicht so sei, wenn er noch nicht 18 wäre. Ich blieb hartnäckig.
Bei seinen nächsten Einkäufen würdigte er mich keines Blickes und kaufte brav seinen Eistee. Irgendwann hatte er dann seinen Ausweis dabei und er bekam sein Rauchzeug 😅
Das ist nun einige Wochen her, trotzdem kommt er regelmäßig vorbei und er wird von mal zu mal netter, ja fast freundlich, grüßt und hat sich vorhin entschuldigt, weil ihm etwas von seinen Einkäufen vom Arm gefallen ist und dabei ein bisschen Lärm gemacht hat.
Ich bin auch nett zu ihm, er bekommt wie jeder andere Kunde ein Lächeln von mir, wenn ich kassiere.

Das ist für mich erwachsenes Verhalten.

Andere Situation mit meiner Kollegin. Sagen wir mal so, wir sind etwas aneinandergeraten. Sie hat mich in unangemessener Lautstärke vor unseren Kunden zurechtgewiesen, weil sie meine Hilfe ihr gegenüber missverstanden hat. Sie wollte partout nicht verstehen, worum es mir ging und dachte die ganze Zeit, dass ich ihr die Schuld zuschieben will. Zudem hat sie einige zweifelhafte Ansichten, was den Umgang mit den Kunden angeht, dabei hat sie vermutlich die zwanzigfache Erfahrung mit Kunden wie ich, die gerade mal ein Jahr Berufserfahrung hat.
Nachdem meine Schicht nach dem "Vorfall" zu Ende war, war auch das Thema für mich erledigt. Ich rede zwar nur noch das Nötigste mit ihr, aber ich grolle nicht. Im Gegensatz zu ihr: Sie schreibt mir, sie kann nicht schlafen, weil ich sie an den Chef verpetzt habe und die Tatsachen verdrehe. Ich bin mir bei zweiterem keiner Schuld bewusst, denn ihr Verhalten ist dem Chef und den anderen Kollegen bereits bekannt ...

Eindeutig kein erwachsenes Verhalten, kindisch, würde ich fast sagen. Aber nur fast, denn kindisches Verhalten ist für mich etwas anderes. Das, was meine Kollegin zeigt, ist eher pubertäres Verhalten. Jeder muss da durch und manchmal ist es tatsächlich so, dass man sich von der Welt nicht verstanden fühlt. Doch mit dem Erwachsenwerden, wird man meist reflektierter. Das ist ein Prozess, der Anfang zwanzig bei mir passierte und sich vermutlich bis heute fortsetzt.
Klar haben Kinder auch mal ihre Bockphasen, doch sie verzeihen und vertrauen schnell. Sie haben keinen Teenagerstolz, der sie dazu bringt, recht haben zu müssen. Sie lassen die Dinge gut sein, sie wollen abends zwar nicht gern schlafen, aber dafür sehen sie jeden neuen Tag mit freudiger Erwartung entgegen. Sie wollen Dinge entdecken und ergründen. Ein Verhalten, dass ich mir bei Erwachsenen mehr wünschen würde. Mehr Vergeben und weniger eigenen Stolz, aber auch das (erwachsene) Wissen, wann es gut ist, eine Sache oder jemanden aufzugeben mit der kindlichen Beharrlichkeit den Dingen und Menschen gegenüber, für die es sich lohnt. Den Blick für das Wesentliche, für die Dinge, die man sich wirklich wünscht, die es wert sind, dass man hart für sie arbeitet.

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